3.2.2026 | Vortrag "’Oioioi, die Russen kommen’ – Postsowjetische Populäre Musik in Deutschland": David-Emil Wickström (Popakademie Mannheim)

Dienstag, 3.2.26, 9.40-11.10 Uhr, Raum N.308

Prof. Dr. David-Emil Wickström von der Popakademie Mannheim wird mit vielen Musikbeispielen über postsowjetische Popmusik in Deutschland berichten.

Der Vortrag findet im Rahmen der Vorlesungsreihe "Transkulturalität und Transnationalität" statt.

Die Veranstaltung ist offen für alle, Russischkenntnisse sind NICHT erforderlich.

Oioioi, die Russen kommen’ – Postsowjetische Populäre Musik in Deutschland

Als die Erste Allgemeine Verunsicherung 1997 sang: „Oioioi, die Russen kommen! Nastrowje, und schon sind sie da!", war „die Russen" ein populärer Sammelbegriff für Menschen, die verstärkt nach der deutschen Wiedervereinigung aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland und Österreich migrierten. Die erste Liedzeile „Igor kam aus Kasachstan mit Transsibirski Eisenbahn" verweist dabei bereits ironisch auf die Heterogenität dieser Migrationsbewegungen, die im öffentlichen Diskurs jedoch weitgehend nivelliert wurde.

Parallel dazu etablierte sich ab den frühen 2000er Jahren mit der sogenannten „Russendisko" im Berliner Kaffee Burger eine populäre Tanzveranstaltung für „russische" Musik mit den DJs Wladimir Kaminer und Yuryi Gurzhy. Diese Inszenierungen bedienten bewusst Klischees einer feiernden, exotisierten „russischen" Community und richteten sich primär an eine deutsche Mehrheitsgesellschaft. Gleichzeitig blieb eine vielfältige und eigenständige Musikszene von Migrant:innen aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland weitgehend unsichtbar.

Tatsächlich waren „die Russen" nie eine homogene Gruppe. Der Begriff überdeckte eine Vielzahl unterschiedlicher nationaler und ethnischer Zugehörigkeiten. Die zahlenmäßig größten Zuwanderungsgruppen der 1990er und 2000er Jahre bildeten sogenannte (Spät-)Aussiedler:innen sowie jüdische Kontingentflüchtlinge aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. In den folgenden Jahren kamen neue Migrationsbewegungen hinzu, etwa infolge der Annexion der Krim 2014, der blutigen Niederschlagung der Proteste in Belarus 2020 sowie des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seit 2022.

Der Vortrag untersucht die musikalischen Praxen von Migrant:innen aus dem postsowjetischen Raum in Deutschland mit besonderem Fokus auf jene Praktiken, die jenseits medialer Sichtbarkeit und populärer Stereotype existieren. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern - auch bereits vor 2014 - von einer gemeinsamen Community oder gar Diaspora gesprochen werden kann.